Maschinenbau
und Produktion
1/2000

Zeitschrift des Freundeskreises Maschinenbau und Produktion Berliner Tor e. V.

Home
Editorial
Firmenpräsentation
Gäste
CNC-Maschine
Spende
FH-Projekt
Gründung
NORTEC 2000
Arb.-wissenschaft
Shanghai
Bulgarien
Mobile Roboter
Hannover-Messe 2000
Toolmanagement
Arbeitsgruppe
Aktivitäten
Neuheiten
Preissträger
Auszeichnung
Teilzeitstudium
Absolventen
Portsmouth
Präsident
Ruhestand
Kolloquium
Rätsel
Wettbewerb
Neubau
Das Letzte
Reiseimpressionen aus China

Prof. Dr. Happ

Reiseimpressionen aus China

Einige subjektive Anmerkungen zu einem Aufenthalt in Shanghai

Vor etwa 2 Jahren waren zwei Kollegen in Shanghai und erzählten, daß man dort ein ”Joint College” einrichten wolle, wer denn mag solle sich melden, um dort Vorlesungen zu halten. So ganz war, außer denen, die dort waren, wohl niemand klar, was das bedeutete.

Als "Joint College" betreiben die University of Shanghai for Science an Technology (USST) und die Fachhochschule Hamburg seit 1998 einen gemeinsamen Studiengang in Shanghai, in dem Maschinenbau- und Elektrotechnikingenieure ausgebildet werden. Die Lehrveranstaltungen der Professoren der FH Hamburg (30% der Vorlesungen und Labore des Curriculums) werden in deutscher Sprache durchgeführt..

Anfänglich meldeten sich daher eine ganze Reihe von Kollegen nach dem Motto: ”Es kann nichts schaden”. Lange Zeit später ging es dann wirklich los. Die ersten beiden waren dort und berichteten erstaunliche Dinge von Hitze, Krach und Super-Studenten. Nun wurde es ernst. Die Organisation war nicht so, wie wir es erwartet hatten, aber dann war ich mit drei weiteren Kollegen plötzlich in Shanghai.

Es war der 18. Februar 2000, und eigentlich war es wie zu Hause, Temperaturen knapp über Null und leichter Nieselregen, bei leichten nordöstlichen Winden. Das war doch typisch Hamburger Schmuddelwetter. Selbst die Flughafenkonstruktion hat gewisse Ähnlichkeit mit Terminal 4 in Hamburg. Aber da waren lauter Chinesen, und hier muß ich noch einmal dem alten Vorurteil widersprechen, daß alle Chinesen gleich aussehen und gelb sind. Beide Aussagen sind grundfalsch. Die Vielfalt der Gesichter ist genauso groß wie in ganz Europa und die Hautfarbe reicht von weiß bis zu einem dunklen braun. Nur richtig gelb ist hier niemand. Die einzigen Merkmale, die bei allen Chinesen gleich sind: Sie haben alle schwarze Haare und alle eine kleine kurze Nase. Sie nennen die Europäer im Unterschied zu sich selber daher auch die Langnasen.

Wenn ich an meine Brille denke, die mir immer von der Nase rutschen will, muß ich an Mr. Fang denken, der hat auch eine Brille, wie macht er das, dass sie ihm nicht von der so viel kleineren Nase rutscht? Herr Fang ist ohnehin ein außergewöhnlicher Mensch, den ich noch sehr Vieles hätte fragen müssen.

Tatsächlich, alle Chinesen haben schwarze Haare. Auf den Straßen sind um mich herum Wogen von schwarzen Köpfen. Natürlich bekommen Chinesen auch graue Haare, aber da sind sie eitel, egal welches Geschlechts, die Haare werden meist gefärbt.

Das chinesische Schönheitsideal ist schlank, hellhäutig und schwarzhaarig. Ms. Hong Ji sagte einmal, sie sei zu fett und zu dunkel.

Das Schlanke hängt sicher auch mit der Ernährung zusammen. Chinesisches Essen hat bekanntlich nichts mit einem europäischen Chinarestaurant zu tun. Die schwierige Essphilosophie hat uns Mr. Xu ausführlich erläutert. Ein Essen sollte mit kalten Speisen beginnen, danach kommen warme, heiße und zum Schluß wieder warme Speisen. Die Begriffe kalt und heiß haben nur leider nichts mit den tatsächlichen Speisetemperaturen zu tun und auch nichts mit der Würze. Suppen sind zum Beispiel warm und werden am Ende eines Essens serviert. Gebratene Nudeln oder Reis sind ebenfalls warm und kommen immer erst zum Schluss. Süßspeisen sind dagegen heiß und werden mitten in der Mahlzeit serviert. Es gibt auch Speisen, die wollen so gar nicht in die Kategorien des "Kalt und Warm" passen, wie Ochsenfrosch, Schildkröte oder Schlange, die sind dann ”good for man”. Obwohl man davon ausgehen darf, dass den meisten Chinesen die Zusammenhänge von kalten und warmen Speisen nicht bewußt sind, essen sie doch so vernünftig, dass man nur ganz selten dickere Menschen sieht.

Die Chinesen trinken meistens grünen Tee. Sie tragen ihren Tee in einem Glasbehälter bei sich, der an ein Nescafe-Glas erinnert. Wenn das Glas leer ist, wird einfach heißes Wasser nachgefüllt, das fast überall zu haben ist. Auch das entspricht nicht den Regeln des Teetrinkens von Mr. Xu. Danach wäre es am besten, wenn man den ersten Aufguss nach einigen Minuten weggießen würde, der zweite Aufguss ist der Beste und wird vielleicht noch vom dritten übertroffen, danach nimmt die Qualität des Tees wieder ab. Wir haben das in Hang Shou mit dem ”first flush” ausprobiert. Es stimmt wirklich, der zweite und der dritte Aufguss sind die Besten.

Die meisten Chinesen trinken keinen oder nur wenig Alkohol. Trotzdem gibt es zumindest in Shanghai überall Bier, Wein und Schnaps. Beim Bier kann man gemeinhin zwischen verschiedenen internationalen Marken und dem Tsing Tao auswählen. Unter Wein verstehen die Chinesen sowohl Wein von Reben als auch Reiswein und auch Reisschnaps. Bei den Weinsorten in unserem Sinne muss man darauf achten, dass auf dem Etikett auf irgendeine Weise ”trocken” vermerkt ist, sonst bekommt man ein ungenießbares Zuckerwasser. Da es keinen Unterschied zwischen Reiswein und Reisschnaps gibt, ist es uns bei Ms. Hong Ji zu Hause widerfahren, dass wir jeweils eine volle Tasse Wein und Schnaps serviert bekamen, übrigens in hervorragender Qualität von ihrem Vater selbst hergestellt. Im Laden in Shanghai kostet ein halber Liter Reis-Schnaps zwischen 2 und 7 RNB (ungefähr zwischen 50 Pfennig und 2 DM). Wegen des etwas muffigen Geruchs und Geschmacks haben wir den Stoff Sockenschnaps getauft.

Wir wissen, China ist ein kommunistisches Land und die KP Chinas legt auch immer wieder Wert auf diese Feststellung. Als Kenner des real existierenden Sozialismus in der DDR muss man sich in Shanghai immer wieder die Augen reiben. Was hat diese Boom-Town mit Kommunismus zu tun? Gegenüber von unserem Gästehaus liegt der Blumengroßmarkt. Dort gibt es praktisch nur private Händler, die ein ausgesprochen vielfältiges Angebot feilbieten. Eine Querstraße weiter nördlich liegt ein von privaten Händlern beschickter Obst- und Gemüsemarkt. Viele Geschäfte sind privat. Die wenigen staatlichen Läden fallen durch ihr übermäßiges Personal auf, das gelangweilt herumsteht und Angst haben muss, daß ihnen der Laden geschlossen wird. Im staatlichen Lebensmittelkaufhaus Nr.2 hat sich inzwischen Kentucky Fried Chicken etabliert. Und schräg gegenüber davon liegt das Parkson, ein privates Kaufhaus, das zwar nach unserer Auffassung nicht besonders gut sortiert war, das aber trotz hoher Preise von den Chinesen gut besucht wurde. Betrachtet man die beiden großen Einkaufstraßen in Shanghai, die Nanjing Lu und die Wei Hai Lu, so glitzert und flimmert dort die Leuchtreklame wie auf den großen westlichen Einkaufsmeilen oder sogar noch besser.

Die Besonderheit solcher Straßen sind monumentale Läden für die Ausstattung der Kinder und der Bräute. Dort wird selbst das hässlichste Entchen der Volksrepublik zu einer Schönheit hochstilisiert – einfach perfekt. Das ganze geschieht im Schaufenster, so kann man mit viel Zeit die Verwandlung auch beobachten; der genervte Bräutigam sitzt derweil im Hintergund. Auch hier muss wieder einem typischen Vorurteil widersprochen werden, nämlich dass Chinesen ein immer gleichförmiges Gesicht haben und keine Gefühlsregungen zeigen. Man braucht nur einmal einen Bräutigam beim Stylisten anzusehen!

Beim Aufstylen tragen die Bräute lange weiße Kleider. Während der Hochzeitsfeier ist es dann üblich, ein oder zwei Mal die Kleider zu wechseln. Das traditionelle Brautkleid ist rot. In einer Nebenstraße kann man dann die geliehenen Hochzeitskleider auf der Straße nach der Wäsche trocknen sehen. Einige sehr subtile Methoden der Verschönerung treten am gewendeten Brautkleid offen zu Tage.

Von Mao hatten wir gelernt, dass alle Chinesen eine Ballonmütze und einen blauen Drillichanzug tragen. Es gibt tatsächlich noch Chinesen, die so herumlaufen. Das sind fast immer ältere Herren – Rentner würden wir sagen. Daß sie im Mao-Look herumlaufen, hat wahrscheinlich nichts mit ihrer politischen Auffassung zu tun. Es hat sich halt eine Tradition ausgebildet, der diese Menschen verhaftet sind. Im Park der Helden des Kommunismus gibt es eine Ecke mit einem Kiosk, an dem man Coca Cola kaufen kann, da sitzen dann größere Gruppen von älteren Menschen - teils im Mao-Look - und sind vertieft in endlose Diskussionen. Ohne ein Wort verstehen zu können, lohnt sich das Zuhören, es ist einfach wichtig, diese Diskussionskultur zu erfahren, bei der die Diskussionsleitung oftmals während des Gesprächs wechselt, bei der verschiedene Gruppen eingebunden werden und wieder aus der Diskussion ausscheiden. Man diskutiert offenkundig kontrovers, aber nicht streitig. Entsteht aus solchem Verhalten nicht letztlich auch Demokratie.

Tatsächlich herrscht aber die Kommunistische Partei. Sie beherrscht die Medien, sie hat den Anspruch, einzige politische Kraft in China zu sein. Ihre Herrschaft reicht bis in die Wohnstraßen, die von einer Art Blockwart be- und überwacht werden. Die Mitglieder einer Hochschule müssen regelmäßig zur Schulung (Langnasen ausgenommen), und auch auf dem Unterrichtsplan der Studenten stand in diesem Semester Marxismus. Dann kommt aber auch die Theorie des Deng Xiao Ping dran. Was das ist? Das ist die Erläuterung des derzeitigen chinesischen Systems mit einer autokratischen Führung und einer kapitalistischen Wirtschaft. Vielleicht könnte man das chinesische System am besten als Militärdiktatur bezeichnen, die durchaus einen faschistischen Charakter hat. Ich habe in Shanghai eine Reihe von Leuten gefragt, was sie vom Kommunismus halten. Die Antworten waren alle gleich. Was soll der Kommunismus, wir sind Kapitalisten!

Es könnte allerdings sein, daß man in Peking andere Antworten bekommt.Der Fernsehturm, eines der Wahrzeichen des modernen Shanghai 

Shanghai ist tatsächlich kapitalistisch. Viel ausländisches Kapital ist in die Stadt geflossen und sorgt dafür, dass sich diese Stadt schneller verändert als sonst eine Stadt auf dieser Erde. In den letzten drei Jahren wurden die ersten 30 km U-Bahn gebaut, in 20 Jahren sollen es 330 km sein. Die Stadtautobahnen von Shanghai sind noch in keinem Reiseführer eingetragen und für neue Wohnhochhäuser werden schon einmal ganze Stadtviertel platt gewalzt. Dabei muss man allerdings sagen, dass die alten Wohnquartiere auch mit bestem Willen nicht sanierungsfähig sind. Wenn es für mehrere Häuser nur eine Toilette und einen Wasserhahn gibt, dann ist es eigentlich ein Wunder, dass hier nicht sehr viel mehr Seuchen die Menschen dahin raffen.

Mit dem Fahrrad sind wir durch große Teile der Stadt gefahren und haben selbst an entlegenen Stellen irgendwelche Joint Ventures gefunden. Welche deutsche Firma hat eigentlich noch keine Niederlassung in Shanghai? Manchmal war der Zuzug aus Deutschland noch so frisch, daß lediglich ein Fahnentuch mit entsprechender deutscher Beschriftung auf den Neuzugang hinwies.

Was aber ist nun vom Kommunismus geblieben? Eine objektive Antwort darauf kann wahrscheinlich niemand geben. Meine subjektiven Eindrücke zeigen dazu noch einen ”roll back” in die Tradition. Tatsache ist, dass in der chinesischen Gesellschaft die Gleichstellung der Frau weit fortgeschritten ist. Die alte chinesische Tradition sah für die Frau keinerlei Rechte vor. Die chinesische Frau lebt heute zumindest genauso gleichberechtigt wie die europäische. Bei unseren Studiengängen hatten wir im Maschinenbau 20% weibliche Studierende und bei der Elektrotechnik fast 30%. Solche Frauenquoten kann keine deutsche Hochschule in diesen Fächern vorweisen.

Vielleicht muss man dazu auch wissen, dass ähnlich wie in den osteuropäischen Ländern der Frauenanteil in den technischen Studiengängen rückläufig ist. Trotzdem muss man immer wieder feststellen, dass heute eine weitgehende Gleichberechtigung realisiert ist, die sich auch nicht wieder zurückdrehen lässt.

Eine andere Frage dazu ist die Religion. Spätestens seit Lenins Wort ”Religion ist Opium fürs Volk” ist die Religionsfrage mit dem Kommunismus eng verbunden, und durch Zeitungsberichte über die Verfolgung von Sekten in China wird diese Frage aktualisiert.

Tatsächlich ist diese Frage für Chinesen von geringer Bedeutung. Wenn man ein wenig über die Religionen des alten China liest, muss deutlich werden, dass Chinesen eine Religion im europäischen Sinne gar nicht kannten. Konfuzius war ein Philosoph, der eine staatstragende philosophische Lehre entwickelte. Konfuzius-Tempel sind in Wirklichkeit Philosophen-Schulen. Der Tempel in Shanghai beherbergt heute ein Museum. Der Konfuzius- Tempel in Peking zeigt in aller Verfallenheit noch deutlicher den Charakter der alten Philosophenschule.Prof. Dr. Happ bei einem Besuch des Longua-Tempels in Shanghai

Auch der Buddhismus ist streng genommen eine Philosophie und erhebt für sich selbst nicht den Anspruch einer Religion. Buddha ist kein Gott. Buddha ist, wer bestimmte Lebensideale erreicht hat, also das Ziel aller Buddhisten, ein vollkommener Mensch zu sein. Das wurde mir spätestens klar, als ich weit ab von Shanghai mit Ms. Hong Ji, ihrem Bruder, meinem Sohn und meinem Kollegen Ulf Claussen in einem Tempel stand, in dem wir Tausend verschiedene Buddhas fanden, und in den wir nur gutes Zureden unserer chinesischen Freunde hinein gekommen sind.

Übrigens, in Shanghai gibt es mehr christliche Kirchen als buddhistische Tempel. Die Kirchen im schrecklichen Stil der vorletzten Jahrhundertwende (der amerikanische Begriff ”gothic revival” passt zur Charakterisierung besser als jeder deutsche Begriff) wurden im Zeitalter der intensiven Mission durch die Europäer gebaut. Dass die Mischung aus Kolonialismus und Mission letztlich zu einem immer noch stetig wachsenden Anteil an Christen in China geführt hat, ist sowohl erstaunlich als auch wahr. Die offizielle Politik nimmt Religionen als Philosophische Lehren wahr. So ist dann auch ein Lehrstuhl für christliche Philosophie an der Fudan-Universität in Shanghai zu verstehen. Wenn sich allerdings Religionsgemeinschaften in die Politik einmischen wollen – und das hat in China Tradition (siehe Neo-Konfuzianismus oder Zen-Buddhismus) – dann schlägt der Staat erbarmungslos zu (ohne die Zahl der Toten zu zählen). Es gab übrigens auch unter unseren Studenten einzelne Christen.

Es gibt natürlich Leute, die zu den Tempeln kommen und beten, es gibt auch die Ahnenaltäre, vor denen sich die Menschen verneigen und ihre Räucherstäbchen anzünden. Die Ahnenaltäre kann man sogar im staatlichen Supermarkt kaufen, aber mit Religiosität im Sinne der Abrahamischen Religionen hat das nur sehr wenig zu tun.

Übrigens gibt es in Shanghai und Umgebung auch eine alte islamische Mission, die aber nur sehr begrenzten Erfolg hatte.

Ich war eigentlich in Shanghai, um dort an der University of Science and Technology (USST) zu lehren. Was ist das für eine Hochschule? Tatsächlich geht diese Hochschule indirekt auf eine deutsche Gründung zurück. Die ursprünglich zu Beginn des letzten Jahrhunderts von einem deutschen Arzt gegründete Tongji-Universität errichtete im französischen Bezirk vor fast 80 Jahren einige Gebäude, in denen mit einer Ausbildung im Fach Elektrotechnik begonnen wurde. Diese Gebäude im heutigen Fuxing-Campus existieren noch immer und werden heute für die Ausbildung von Betriebswirten benutzt. Um diese Gebäude herum wurden dann weitere Bauten errichtet, die für die Unterkunft der Studenten und als Unterrichtsgebäude dienen.

Die heutige USST ist durch eine Fusion von mehreren Hochschulen entstanden, so dass sie heute über drei Standorte verfügt, wobei der Standort in der Innenstadt, in dem wir lebten und lehrten, der kleinste ist. Traditionell existiert dort neben den Wirtschaftswissenschaften ein Fachbereich Elektrotechnik, dem wir organisatorisch zugeordnet waren. Der Fachbereich Maschinenbau liegt etwa eine halbe Taxistunde entfernt in Hafennähe. Es fehlte uns daher etwas die Kommunikation (vielleicht auch die Konfrontation) mit den Fachkollegen aus diesem Bereich.

Das Wunder von den super-intelligenten Studenten muss ich streichen. Chinesische Studenten sind kaum anders als deutsche. Der entscheidende Unterschied liegt wahrscheinlich in zwei Dingen. Einerseits muß jeder Bewerber um einen Studienplatz eine Aufnahmeprüfung ablegen. Daraus ergibt sich eine Auswahl, die wir nicht so kennen. Anderseits muss jeder Student eine erhebliche Studiengebühr bezahlen. Ob Geld allein auf Dauer die Motivation für ein Studium sein kann, mag mit Recht bezweifelt werden. Ein wenig motivierter Student wird aber nicht bereit sein, so viel Geld dafür auszugeben. Von daher sollte man erwarten, dass die chinesischen Studenten besser sein würden als die deutschen. Tatsächlich konnten sie besser auswendig lernen. Das Gelernte dann aber gedanklich zu verarbeiten und ingenieurmäßig umzusetzen, darin waren sie deutlich schlechter als mittelmäßige Studenten bei uns.

Natürlich fragt man sich als deutscher Hochschullehrer, warum wollen die uns eigentlich hier haben. Das, was wir abliefern, müssten sie doch selber können. Und dann fallen mir die Begriffe ein, mit deren Definition ich mich selber noch so schwer tue. Ingenieurmäßiges Arbeiten äußert sich ja nicht in dem Wiedergeben von auswendig erlerntem Wissen, sondern in Fach-, Methoden- und System-Kompetenz. Meine chinesische Kollegin hat von den Studenten verlangt, daß sie das Eisen-Kohlenstoff-Diagramm einschließlich aller Bezeichnungen auswendig lernen müssen, aber wie man damit umgehen muss, das wusste sie wohl selber nicht.

Der Leiter der Weiterbildung bei VW Shanghai sagte uns, dass in China ausgebildete Ingenieure zwar sehr viel wissen, aber für den Betrieb nicht brauchbar seien. Deutsche Ingenieure dagegen könne man gut brauchen. Was ist also der Unterschied? Der liegt ganz offenkundig darin, dass den Studenten in China ein hohes Maß an Wissen vermittelt wird, dass den Absolventen aber letztlich die Kompetenzen fehlen, die ingenieurmäßiges Handeln ausmachen, also die Verknüpfung von Wissen mit Fachkompetenz und mehr noch mit Methoden- und System- Kompetenz. Der Dekan des Fachbereichs Elektrotechnik sagte, dass wir selten so viel über die Lehre nachgedacht haben wie während eines Aufenthaltes in China – Recht hat er!

Fachbereich M+P