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Als Assi auf der Cap San Marco - 1968

Santos Außenreede

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Santos-Außenreede, am 20.8.68, 1445Ortszeit

Heute früh kamen wir also in Santos an. Wir fuhren nur auf die Innenreede, um die Passagiere aussteigen zu lassen und zur Erledigung der Zollformalitäten. Irgendjemand sagte mir, daß Gelegenheit zum Postversand sei, und so habe ich in wenigen Minuten den von Antwerpen bis hier geschriebenen 15 Seiten starken Brief rasch adressiert und abgegeben.

Santos: Das Fort in der Hafeneinfahrt Santos: Tanklager
Das Fort an der Hafeneinfahrt Tanklager
Die Passagiere warten auf das ausbooten
Die Passagiere warten auf das Ausbooten. Im Hintergrund der Monte Serrat (Monte Kaschasch)
Harry Creplin und Icke
Seelenverkaeufer

Das Wenige, was ich von Santos sah, hat mich in seiner Fremdartigkeit sehr beeindruckt. Angefangen von den Behördenvertretern, die an Bord kamen, über Schiffe, die vielleicht 40 Jahre alt sind, zu den Hütten der einfachen Leute am Flußufer. Rundum ziemlich hohe Berge, nicht gerade Alpen, aber steil.

Hafen Santos Hafen Santos

Wir waren nur eine Stunde im Hafen von Santos und sind dann wieder herausgefahren. Jetzt liegen wir –ohne Landverbindung– mit 16 (sechzehn!) anderen Schiffen vor Santos vor Anker. Ca. zehn Tage werden als Wartezeit geschätzt.

 
am gleichen Abend, 2115

Wenn man hier sitzt und gerade die große Fahrt hinter sich hat, meint man wirklich, die Welt sei sehr klein. Immerhin sind wir bisher ca. 5.000 Seemeilen gefahren.  —  Es ist Nacht. Santos ist als Lichterkette vom Palaverdeck aus zu sehen, um uns die vielen Schiffe, es ist ein schönes Bild.

In der Maschine haben wir Seewache und reißen gleichzeitig wieder mal einen Kältekompressor auseinander. Immerhin hat die Anlage fünf Kältekompressoren und eine Menge Kühlräume.

Auf der Rückfahrt werden wir in Santos zwei Luken voll Apfelsinen laden.

 
21.8.68, 1105Ortszeit

Mit einem Schlag sieht alles anders aus.

  • Eben noch habe ich mich darüber aufgeregt, daß Kolbenringe mit Bindfäden aufgezogen werden und, daß es keine Drehmomentenschlüssel gibt,
  • eben habe ich noch auf dem Peildeck gelegen und mich seit Tagen zum ersten Mal in der Sonne erholt,

da kam der 3. Offizier, Herr Schmidt, und fragte mich: "Wissen Sie schon, daß die Russen in die Tschechoslowakei einmarschiert sind?" Mehr wußte er auch nicht zu berichten. Wir sind ja hier abgeschnitten von jeder genauen Nachricht.

Ich könnte mich ohrfeigen, daß ich diese Reise mache. Manchmal hatte ich mir das schon im Selbstmitleid gesagt. Jetzt aber ist es ernst. Es ist so dumm. Man sitzt hier und wartet und wartet und kann nichts tun. Man weiß nicht einmal Näheres, was eigentlich los ist. Und dann weiß man nicht einmal, ob dieser Brief oder mein vorhergehender überhaupt noch ankommt.

Ich weiß mit einem Schlage nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Rundherum ist alles so schön, der erste friedliche Tag. In unmittelbarer Nähe ein russischer Frachter. Direkt neben dem Schiff ein Felsenufer mit einem ganz steilen Berg.  —  Und dann das!

 
22.8.68, 1000Ortszeit

Inzwischen ist die Zahl der Schiffe, die auf der Reede liegen, auf 24 angewachsen. Einige der Nachzügler kommen noch vor uns dran, denn Export geht auch in Brasilien vor, und wir bringen ja zunächst Importware.

Gestern hat sich ein Tanker ganz dicht neben uns gelegt, wir wollen aber nicht weichen. Nun schwoien die Schiffe aber (gehen  – je nach Wind und Strömung –  an der Ankerkette hin und her). Daher müssen wir in der Maschine ständig bereit sein, loszufahren, der Maschinentelegraf steht auf "Achtung zurück".

an der Ankerkette
Malerarbeiten
Malerarbeiten auf dem Mast

Ich bin wegen der Tschechei etwas ruhiger geworden. Wir können von hier aus doch nur abwarten, wie sich die Dinge entwickeln und hoffen, daß wir unsere Familien bald wieder gesund zu Hause antreffen werden.

Der Dienst ist jetzt gut auszuhalten. Ich gehe wieder die (4 - 8 / 16 - 20)–Wache, aber ohne Zutörnen! Am Kältekompressor habe ich 4 Kolben eingesetzt, drei davon leider verkehrt, aber das lag an einem Mißverständnis zwischen dem anderen Assi und mir. Nun läuft alles einigermaßen weiter.

Gestern war herrliches Wetter, während jetzt der Regen eingesetzt hat. Das Leben ist wie auf See, da wir ja nicht an Land können. Die Matrosen klopfen Rost!

 
Santos-Reede am 23.8.68, 1100Ortszeit

Eben kam der 1. Ingenieur und sagte, daß wir morgen an die Pier kommen. Damit wird also die Zeit doch nicht so furchtbar lang wie wir dachten.

Oelueberschwemmung

Der Kältekompressor ist wieder zusammengebaut und läuft. Das freut mich deshalb, weil ich daran besonders viel gearbeitet habe (Ventile eingesetzt, die Deckel, die Pleuelschrauben usw. fertig montiert).

Heute früh füllte ich Öl ein. Weil das durch den Einfüllstutzen so umständlich ist, habe ich durch den noch offenen seitlichen Deckel den Ölsumpf bis zum Rand gefüllt. Gerade als ich den Deckel ansetzen wollte, holte das Schiff mächtig über und das Öl schwappte raus. Das war eine ganz besondere Freude.

Leerbild

Wir lesen hier täglich – auch auf See – das Hamburger Abendblatt, eine Funkausgabe mit Kurzmeldungen auf zwei DIN–A–4-Seiten. Zur Zeit wird die "Zeitung" wegen der Tschechoslowakei besonders verschlungen.

Menschlich gesehen, habe ich hier nur die besten Erfahrungen gemacht. Natürlich haben viele, wie auch an Land, gewisse Eigenarten, aber selbst der so verschriene Chief hat dem Zweiten und mir heute eine Flasche Wein geschenkt.

Waescher und Steward
Unser Wäscher (l) und unser Steward

Auch die Matrosen, Schmierer, Reiniger, Motorenwärter, Storekeeper und Stewards sind gut zu haben. Der Wäscher ist ein Chinese. Man versteht ihn kaum, obwohl er schon jahrzehntelang in Deutschland leben soll. Er spricht aber viel, und ich weiß immer nicht, ob er schimpft oder was Nettes sagt. Letzteres ist aber wohl meistens der Fall.

Beim Kapitän habe ich das Gefühl, daß ich ihm etwas unheimlich bin. Ich habe ihm doch tatsächlich beim ersten Treffen (es fand in meiner Kammer statt, ich in Unterhose nach dem Rasieren, er in voller Uniform) gesagt: "Guten Tag, Herr Feindt" (statt "Herr Kapitän"). Er schnappte nach Luft, rollte mit den Augen und fragte den 3. Offizier (der mit dabei war): "Wer ist denn das?" und deutete auf mich. Wohlgemerkt, er fragte nicht mich! Als der 3. Offizier es ihm erklärte, gab er mir wohl eine Amnestie. Aber seitdem sage ich immer "Guten Tag, Herr Kapitän". Wir sind zueinander freundlich, haben aber voreinander Respekt.

Der 2. Ingenieur ist, wie gesagt, Student an unserer Schiffsingenieurschule [eine andere Abteilung der Ingenieurschule, an der ich damals unterrichtete]. Dadurch ergeben sich manchmal ganz komische Situationen. Auf See darf er z.B. die Maschine nicht verlassen, aber ich. Also muß ich ihm immer das Abendessen holen. Nun bekommt er aber (auf ungeklärte Weise) immer das Essen von den Passagieren, während ich in der Messe esse. Dann ist es ihm peinlich, wenn er vor uns Spargel und Schinken ißt, aber mir macht das absolut nichts aus. Ich sagte ja schon, das Essen ist ausgezeichnet.

Der neue Koffer hat schon "Seeschaden", weil der Messejunge in meiner Kammer aufgewischt hat und dabei eine Überschwemmung veranstaltete, ohne Koffer und Aktentasche hochzunehmen. Einige Bücher haben darunter gelitten.

Auf der Reede vor Santos

Wahrscheinlich kommt demnächst ein zusätzlicher Mann in meine Kammer, ein sogenannter "Rüberarbeiter".Das sind Leute, die entweder von hier nach Deutschland oder umgekehrt reisen wollen, aber kein Geld haben. Die werden von der Reederei für 1,- DM angeheuert (also nur ein Nominallohn aus versicherungstechnischen Gründen) und müssen dann bei uns arbeiten. Da uns Personal in der Maschine fehlt, sind wir heilfroh darüber. Hoffentlich ist derjenige, der in meine Kammer kommt, wenigstens vernünftig.

Auf der Reede vor Santos
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