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Als Assi auf der Cap San Marco - 1968

Santos und Sao Paulo

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Videoclip

Santos Außenreede
Einfahrt in den Hafen

5,9 MB
 
Santos, 24.8.68, 0005 Ortszeit

Da ich diesen Brief im Maschinenraum schreibe, kann es sein, daß er etwas schmierig wird. Ich habe die letzte Seewache von 1600 …2000 gehabt und habe jetzt alleine Hafenwache von 2300 …800.

Der Schmierölseparator läuft, zwei Dieselmotoren ebenfalls, der Kältekompressor 1, den wir zuletzt montiert hatten, auch. Schließlich läuft noch die Lenzpumpe, die abwechselnd Tank A Backbord und Steuerbord lenzt. Die Dieselöltagespumpe habe ich eben abgestellt.

Gestern früh (23.8.) hieß es noch, daß 4…10 Tage Wartezeit auf der Reede zu erwarten seien. Gegen Mittag war die Zeit plötzlich auf den 24. Nachmittags festgelegt worden. Gegen 1800 (immer noch am 23.) hieß es dann schon "Anker auf" und nun sind wir in Santos. Die Schauerleute bevölkern das Schiff (2 Gangs entladen), während die Mannschaft …    na, das Schiff ist jedenfalls fast unbewohnt. Man muß das verstehen: Die erste Nacht im Hafen nach 19 Tagen.

In dem gestern abgeschickten Brief schrieb ich Euch von dem Öl, das durch den Schwell (=starke Dünung auf der Reede) wieder aus dem Kompressor heraus kam. Am Nachmittag wurde die Sache noch schlimmer. Wir waren auf Wache im Kühlmaschinenraum, als das Schiff wild anfing zu tanzen. Über uns war die Werkstatt und der 2. Ing. sagte "Passen Sie auf, gleich saust der Amboß los!" Keine Sekunde später gab es einen wüsten Krach und der Amboß rutschte durch die Gegend. Der Schwell ist die Dünung vom Atlantik, die sich auswirkt, je nachdem wie das Schiff vor dem Anker schwoit.

Von der Tschechei hört man widersprüchliche Nachrichten. Im "Abendblatt" steht, daß die Bundeswehr übers Wochenende Urlaubssperre hat.

 
415 Ortszeit

Die Maschinen laufen gut, von der Brücke will niemand etwas, und ich mache jetzt Pause. In der Pantry habe ich mir drei Scheiben Brot gemacht, etwas kalten Tee und Zitrone genommen und sitze jetzt wieder am Ingenieurpult (Assis dürfen sich während der Seewache – wenigstens offiziell – nicht hinsetzen). Ein Matrose, der die Gangway bewacht und ich sind die einzigen, die meines Wissens Dienst tun (möglicherweise noch ein Offizier auf der Brücke).

Eben habe ich zwei Stunden lang in der Kühlanlage den Boden gewischt und gleich geht es damit weiter. Diese Art Beschäftigung habe ich nun wirklich nicht gern. Ölschmiere, Wasser und Dreck von Jahren will beseitigt werden.

 
725 Ortszeit

Eben komme ich vom Wecken. Heute hatte ich einen Besenstiel mit, um damit gegen die Kammern zu schlagen, damit die müden Helden wach würden. Aber von ca. 10 Mann Maschinenpersonal waren nur zwei da. Alle anderen werden wohl bis 800 etwa antanzen (frag nicht, wie!).

Entladearbeiten
Ladearbeiten mit den eigenen Ladebäumen

Der Fußboden von der Kühlanlage ist fertig und kann wieder verschmutzt werden. Jetzt (d.h. nach dem Frühstück um 800) werde ich erst einmal Schlafen gehen und am Nachmittag Santos ansehen. Die nächste Wache habe ich morgen von 0…8 und will direkt danach mit zwei anderen mit einer Taxe nach Sao Paulo fahren. Die Zeit ist ja so kostbar. Leider ist morgen Sonntag, so daß wir nur die Hälfte sehen werden.

Zur Zeit wird wieder entladen. Unsere Hilfsdiesel werden dadurch ganz schön belastet, ich sehe das am Ampèremeter. Wir arbeiten nämlich vorwiegend mit unseren eigenen Winden.

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Sonntag, 25.8.68, 640 Ortszeit

Habt Ihr gut gefrühstückt? Ich auch: Kotelett in Aspik, zwei Butterbrote, ein Käsebrot, und das früh um 500.

Santos Altstadt
Santos Altstadt
Markthalle
Landgang

Nun, gestern habe ich gegen Mittag noch 4 Stunden geschlafen, dann ging es los. Durch den Hafen, die Markthallen mit den aufgetürmten Blechdosen, den schönsten Früchten, viel Geruch und Fliegen. Dann durch die Altstadt, wo Creplin und ich einen Caipirinha tranken: 1 Limone, klein geschnitten, Pulverzucker darüber, zerstampft, Eis, aufgefüllt mit Kaschasch, einem Zuckerrohrschnaps. – Dann ging es mit der Bahn (ähnlich wie am Turmberg in Durlach) auf den Monte Serrat, der bei den Seeleuten generell Monte Kaschasch heißt. Rundblick über die Stadt und auf die Reede (wieder 27 Schiffe),

Blick vom Mt. Serrat auf Fluss und Hafen Blick vom Mt. Serrat auf Santos und Reede
Blick vom Mt. Serrat auf Santos, Hafen und Reede

…mit der Straßenbahn zum Strand, in die Hauptstraße, unbeschreibliches Gewimmel und ganz andere Atmosphäre, alles leichtlebig, gleichzeitig viele Bettler, noch zwei Caipis getrunken, dabei fiel ich beim Aufstehen vom Barhocker, natürlich in eine Gruppe deutscher Touristen hinein. Dann aßen wir Pizza, sooo groß und sooo gut. Ich sah immer nur Sterne, ging ganz gerade auf die Toilette und wunderte mich, daß die Leute über mich lachten, bis ich sah, daß ich noch die Serviette im Gürtel hatte.

Danach in die Gegend, die die Sehnsucht der Seeleute ist, Hamburg-Bar, Kopenhagen-Bar. Creplin feierte überall herzliches Wiedersehen. Dann mußte ich an Bord. Ich stieg in die Taxe, er gab mir noch seine Sonnenbrille zur Aufbewahrung mit.

Ich ging gleich zum Wache schiebenden Assi und bat ihn, 2…3 Stunden meiner Wache zu übernehmen, was er reichlich tat. Und nun bin ich wieder mit der Wache fertig, d.h. gleich muß ich wecken. Um 800 werde ich abgelöst, muß mich in Sekunden waschen und rasieren, die Taxe ist auf 800 bestellt, auf geht’s nach Sao Paulo.

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Santos, am 26.8.68, 130

Eben habe ich die Hilfsdiesel abgeschmiert, nach dem Separator gesehen und dem Kältekompressor gut zugesprochen. Bei dem muß ich zwischendurch immer mal gucken, weil er abzusaufen droht. Die Butter ist so weit abgekühlt, daß das Frigen nicht mehr genügend überhitzt vom Verdampfer zurück kommt.

Ein kleines bißchen angeknackst bin ich natürllich, weil der Schlaf zu kurz kam. Direkt von der Wache fuhren wir gestern nach Sao Paulo, kamen um 1930 zurück, und seit 000 habe ich wieder Wache.

Gestern waren wir also in Sao Paulo.

Die Fahrt dorthin war ein Erlebnis für sich, Wir nahmen zu Dritt eine Taxe vom Schiff bis nach Sao Paulo (schätzungsweise 90 km). Fahrpreis 26.000 Cruzeiros (ca 30,- DM, also 10,- DM pro Mann. Wir hielten oft, um zu filmen und zu knipsen. Die Landschaft ist unbeschreiblich schön, wild bergig. Nur kann man hier wohl nicht so unbefangen laufen wie in den Alpen, wegen der Schlangen und Insekten.

Autobahn Santos - Sao Paulo Autobahn Santos - Sao Paulo

Eben habe ich mir in der Pantry was zu essen geholt. Das letzte Stück Fleisch in Aspik hat sich als nicht mehr genießbar herausgestellt.

Sao Paulo ist auch sehr bergig, was die Brasilianer geschickt für Straßenkreuzungen mit Brücken usw. ausgenutzt haben. Man hat das Gefühl, daß S.P. eine reiche Stadt ist, vermutlich wesentlich größer als Hamburg. (Eh ich’s vergesse: die Leichenwagen fahren mit Sirenengeheul, genau wie Polizei, Unfallwagen und Feuerwehr).

Wir kamen gerade rechtzeitig, um eine Militärparade mit zu erleben. Von der Stadt, die unheimlich viele Hochhäuser hat (architektonisch durchaus sehenswert, doch nicht genügend gepflegt), kann ich Dir nicht viel berichten. Wir sind durch die Straßen geschlendert, "Icke" (der Berliner), der 3. Ingenieur Möller und ich.

Sao Paulo Park in Sao Paulo
Militaerparade in Sao Paulo Militaerparade in Sao Paulo

Was mich so beeindruckt hat, ist die ganze Atmosphäre. Hier gibt es sicherlich Schwierigkeiten zwischen Arm und Reich, obwohl wir ausgesprochene Elendsviertel nicht sahen. Es gibt aber keine Schwierigkeiten zwischen den Rassen. Alles läuft durcheinander. Die Paare sind zwar meistens, aber durchaus nicht immer, gleichfarbig. Besonders gefällt mir, daß die Frauen, ausgesprochen "Rasse" haben.

Mittagessen gab es in einem kleinen Restaurant. Es gab Feijuada, das brasilianische Nationalessen: knorpliges Fleisch (es muß also das billigere, einfachere sein) in schwarzen Bohnen, dazu Reis und ein grünes Gemüse, das gut schmeckte, mir aber unbekannt war. Ansonsten hat mir die Geschichte nicht geschmeckt. Es war ursprünglich das Essen der Armen, das zum Hauptessen des ganzen Landes wurde.

Wir schlenderten dann weiter, verhandelten mit Taxifahrern und ließen uns endlich zur Schlangenfarm Butantan fahren. Obwohl es Sonntag war und die Hauptgebäude geschlossen, lohnte sich der Ausflug. In einem Museum sahen wir viele präparierte Schlangen und Spinnen, auch lebende Vogelspinnen, gruselig anzuschauen.

Icke und Walter
 
Icke und Walter
3.Ing.Moeller in Butantan
 
Schlangenfarm Butantan, 3. Ing. Möller

Ich selbst habe von Brasilien einen guten Eindruck. Man muß nun nicht alles am deutschen Maßstab messen. Ich habe das Gefühl, daß hier ein Volk sich bemüht, vorwärts zu kommen. Andere meinen allerdings, die Brasis hielten nur ihre Entwicklungshilfe-Hand auf. Erstaunlich hoch ist der Anteil an Japanern in Sao Paulo. Sie begegnen einem auf Schritt und Tritt.

Zurück ging’s mit dem Omnibus für etwa 2,50 DM (!) plus -,25 Versicherung. Die allerdings ist das Wichtigste. Der Busfahrer überholte auf der abschüssigen Straße die meisten Pkw. Es ist hier halt doch Sport. Fahrzeit ca 65 Minuten. Wir hatten Glück mit dem Wetter und konnten oben vom Kamm der Berge weit ins Land und in die Bucht von Santos sehen, wohl ein Blick, der einem nicht oft geboten wird, vor allem nicht in der Regenzeit.

Videoclip

Besuch von Sao Paulo

5,9 MB
Fahrschein Sao Paulo - Santos

Zurück fuhren wir nun nicht zum Schiff, sondern erst einmal zum Strand, um Ickes Ausgangszeit voll auszunutzen So kamen wir erst um 2000 auf dem Schiff an. Mit Abendessen, Erzählen, Geld abrechnen usw. wurde es 2130, bis ich in die Falle kam. Ja und dann wurde ich um 2330 wieder brutal geweckt, um Wache bis 800 zu schieben. Wenn ich jetzt die Post nicht erledigen würde, dann würden mir wohl die Augen zu fallen.Aber so sind alle Seeleute. Sie kommen erst in der letzten Minute vor Arbeitsbeginn vom Landgang zurück.

In der Zwischenzeit hat sich herausgestellt, daß wir in wenigen Stunden verholen müssen. Wir legen ab, um den Platz an der Pier einem Musikdampfer frei zu geben. Der hat Vorrang und unterbricht damit unsere Ladearbeit. An sich sollten wir morgen, Dienstag, nach B’Aires auslaufen. Hoffentlich verzögert es sich nicht noch mehr.

 
1500 Ortszeit

Wir liegen immer noch auf der Innenreede. Weiß der Himmel, wie wir an Land kommen sollen! Diese ewige Umdisponiererei fällt mir auf den Wecker. Inzwischen ist folgende Version als Parole aufgekommen (man kann aber an nichts mehr richtig glauben): B’aires 7 Tage Liegezeit, dann direkte Heimfahrt nach Rotterdam und Hamburg. Quien sabe? – Die Ratte vom Dienst, die jeden Abend auf dem Förderband ihren Rundgang macht, sieht wirklich gut genährt aus.

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Santos, am 27.8.68, 100

Wir kamen gegen 1730 wieder an die Pier. Ich bin mit Bernd Reger gleich losgeschossen, um Alkohol für den Zweiten, den Blitz und uns Assis zu kaufen. Die Flasche besten Rums kostet hier etwa 4,-  DM. Wir hatten so ca 20 ,Flaschen, an denen wir rumschleppten. Die Zöllner bilden sich ein, sie könnten etwas dagegen unternehmen. Diese Einbildung läßt sich durch Zigaretten ohne Schwierigkeit korrigieren.

Bevor wir aber zum Schiff pilgerten, fuhren wir mit der Taxe ins Klamottenviertel, stellten in der American Star Bar unsere Flaschentasche ab und ins Cache de Oro (oder so ähnlich), aßen boeuf de lomo (so ein Steak, wie wir es neulich in Hamburg aßen, nur, daß Du hier für zwei Personen so viel zahlst wie zu Hause für eine). Dazu gab es Palmitos (Palmenmark!).

Danach ging es in die American Star Bar, wo wir mit einigen drinks unsere Taschen wieder auslösten. Sonst ist mit Einkäufen nichts zu machen. Am Sonnabend und Sonntag hatten die Geschäfte zu und am Montag kamen wir praktisch genau zum Geschäftsschluß an Land.

Ja, und jetzt sitze ich wieder auf Wache, heute von 000 bis 1000 Die Butter ist ausgeladen. Damit liegt die Kälteanlage still, und ich muß die Maschinen nachher äußerlich reinigen. In B’aires kommt nämlich eine Inspektion, die die gesamte Kühlanlage abnimmt, ehe das berühmte chilled beaf geladen wird.

 
320

Eben habe ich den Billy Jenkins, den ich im Pult fand, gelesen. Ich meine, daß ich das schon kannte. Dann habe ich mein Fleisch gebraten, die Apfelsine und den Apfel geholt, und jetzt liegen immer noch 2 Eier für mich da.

Zur Zeit "lege ich das Schiff gerade" (auf gut Deutsch:Tank A Steuerbord flutet). Die Decksoffiziere nennen den Maschinenraum "Fettkeller",die Bezeichnung ist gar nicht so schlecht. Apropos, Fingerabdrücke haben die Argentinos inzwischen auch schon von mir.

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