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Grabowsky / Kaspar-Sickermann

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Müang Sing

Laos: Müang Sing

November 2000

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Die kleine Stadt Müang Sing liegt
  • im Nordwesten von Laos, Provinz Luang Nam Tha,
  • 14 km entfernt von der chinesischen Grenze,
  • in einer kleinen Talebene,
    "schön wie eine Frau" (Zitat aus dem Laotischen),
  • allseits von hohen Bergen umgeben,
  • am Flüsschen Nam Sing,
  • auf einer Höhe von knapp 700 m,
  • auf N 21° 11,5' / E 101° 08,9'.
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Berichtet wird über die Entwicklung der Stadt von 1870 bis heute und ihre Vorgeschichte mit einem Ausblick auf die Zukunft. Dieser Aufsatz stützt sich auf Urkunden, Stadtpläne, Inschriften, Auskünfte der Verwaltung und eine Erkundung vor Ort im November 1996 durch Grabowsky und Kaspar-Sickermann.
Eine zweite Reise im Februar 1998 führte wieder nach Müang Sing und außerdem weiter nach Ban Chiang Khaeng, einer früheren Hauptstadt des Fürstentums (vor Müang Yu).
Anlass für die Untersuchung war die Habilitationsarbeit von Dr. Volker Grabowsky, in der die Geschichte der Gründung von Müang Sing erwähnt wird.
Sehr zu danken haben wir für die Unterstützung durch Herrn Kohl von der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) und sein Team, insbesondere auch für die Hilfe von Herrn Raubold. Dank schulden wir auch den Herren Khotkaeo (Distriktchef), Maithamdi (Vize-Distriktchef) und Nan Cai Saeng (Kurator des Museums von Müang Sing).
Diese Web-Site ist eine Arbeit von Volker Grabowsky. Fotos, Karten und andere Grafik, sowie die Textbearbeitung für das Internet stammen von W. Kaspar-Sickermann.
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Copyright
© Volker Grabowsky / Walther Kaspar-Sickermann
Die Verwendung der Texte, Landkarten, Pläne, Skizzen, Bilder im Internet ist nur mit einem Verweis (Link) auf diese Originalarbeit gestattet.
In anderen Medien (z.B. in gedruckten Arbeiten) sind die Autoren und diese Internet-Adresse zu nennen.
Kürzungen sind mit Genehmigung der Autoren erlaubt, wenn sie nicht den Inhalt verfälschen. Änderungen sind nicht gestattet.
Es sollte immer das Datum des Zitats genannt werden, da diese Seite ständig Verbesserungen und Ergänzungen unterliegt.
Die Autoren bitten ausdrücklich um Ihren und Deinen Kommentar
[mail] walter@kaspar-sickermann.de
mail.gif volker.grabowsky@uni-hamburg.de
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Laotische Begriffe
Ban
Haus; Dorf, häufiges Präfix von Ortsnamen; kleinste Verwaltungseinheit
Cao
(Aussprache: "C" wie "G" in "Germany")
Titel, gebräuchlich für Prinzen und Edelleute
Cao Ban
hier: Herr der Stadt, des Gebietes
Cao Müang
ursprünglich: Herr der Stadt, des Fürstentums; heute: Herr des Distrikts, Distriktchef
Cao Fa
Herrscherbezeichnung bei den Shan, Lü und Khün
Müang
Distrikt, Bezirk; Stadt (Müang Sing als Name wird daher sowohl für die Stadt selbst als auch für die ganze Flussebene verwendet)
Nam
Wasser; Kurzform von Maenam (Fluss)
Wat
buddhistisches Kloster; Tempelbezirk
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Zur Vorgeschichte der Stadtgründung
Die vorliegenden Quellen widersprechen sich zum Teil. Daher sind einige der Jahresangaben nicht genau.
Bis zum Ausgang des 18. Jhdt. ist wenig über die Geschichte von Müang Sing bekannt. Eine Besiedlung der kleinen Flussebene des Nam Sing ist bereits für das Jahr 1792 nachweisbar. Damals zog die Witwe des verstorbenen Herrschers von Chiang Khaeng (s.weiter unten), Cao Surintha, mit Cao Saengsi, einem ihrer sechs Söhne, in die Ebene von Müang Sing, um sich dort mit ihren Gefolgsleuten niederzulassen. Der Grund für die Auswanderung waren Konflikte unter ihren Söhnen. Der erste Siedlungsort hieß Ban Nam Dai, ca 5 km südwestlich von der heutigen Stadt Müang Sing. Später wurde mitten in der Ebene eine umwallte "Stadt" errichtet: Wiang Fa Ya. Nach der Fertigstellung beider Siedlungsorte veranlaßte Surintha den Bau eines großen Stupa (Pagode). Dieser That Siang Tüm (andere laotische Aussprache: "That Siang Tüng") steht auf einem der Berge an der Südseite der Ebene von Müang Sing und gilt auch heute noch als Heiligtum der Lü (s. Abschnitt Bevölkerung) bis hinein nach China (Sipsong Panna). Alljährlich wird dort beim vollen Mond im November ein großes Tempelfest gefeiert.
Zum besseren Verständnis des Folgenden muss man wissen, dass noch bis zum Ende des 19. Jhdt. in SO-Asien Ländergrenzen weniger wichtig waren als Menschen, die man deportieren oder beherrschen konnte oder die zumindest tributpflichtig waren.
So gab es nach den Angaben in der Chronik von Nan (heute: Nordthailand) Anfang des 19. Jhdt. mehrere Deportationen (z.B. 1805/06 und 1812/13), in deren Verlauf jeweils bedeutende Teile der Bevölkerung von Müang Sing und anderen Orten in das Territorium von Nan, in die Gegend von Chiang Kham, verschleppt wurden.
Danach war die Ebene des Nam Sing jahrzehntelang nahezu menschenleer. Nur in den höher gelegenen Waldgebieten lebten Angehörige von Waldstämmen, die aus östlicher Richtung eingesickert waren. Möglicherweise erkannten sie den Herrscher von Nan als ihren Oberherrn an und belieferten ihn mit Waldprodukten, die dieser als Tribute nach Bangkok weiterleitete.
Damals existierte das schon vorher erwähnte Fürstentum Chiang Khaeng, dessen historische Ursprünge sich im Dunkeln verlieren. Seine Hauptstadt war bis in das zweite Drittel des 19. Jhdt. Ban Chiang Khaeng (Xiangkheng). Die nächste Hauptstadt danach war Müang Yu, das erst Mitte des 19. Jhdt. gegründet worden war. Die genaue Lokalisierung von Müang Yu ist heute schwierig. Vermutlich lag es westlich des Mekong, unweit des Zusammenflusses von Luai und Mekong. Der Herrscher von Chiang Khaeng war Vasall des birmanischen Königs, der ihm 1863/64 die Kontrolle über Müang Sing bestätigt hatte. Hier überschnitten sich also die Einflussgebiete Birmas und Thailands.
Zwei Karten über die politische Situation 1885 und heute (1997) zeigen recht gut die Zusammenhänge.
Durch den Rückhalt aus Ava (damals Hauptstadt Birmas) ermutigt, entsandte Kòng Tai, der Herrscher von Chiang Khaeng 1866/67 einige seiner Untertanen in das menschenleere Territorium von Müang Sing. Als er sogar die exklusive Ausbeute der Wälder Müang Sings beanspruchte, drohte der Herrscher von Nan, Chao Anantawòraritthidet, mit einer Strafexpedition. Falls Chiang Khaeng seine Provokationen nicht einstelle, werde man Truppen entsenden und die illegalen aus Chiang Khaeng stammenden Siedler nach Nan deportieren. Chiang Khaeng gab nach und zog sich zurück.
Doch bereits 1880 ist eine neue Besiedlung, und wieder durch eine Frau, nachweisbar. Im Tempel Ban Nam Dai (!) befindet sich ein Buddha, dessen Sockel in Tham-Schrift (Pali) die Widmung einer Frau trägt, Nang Bua Kham, der Herrscherin dieser Siedlung. Die Widmung weist auf das Jahr 1880 hin. Es ist nicht auszuschließen, dass Nang Bua Kham eine Nebenfrau des Cao Fa Sili Nò war, des Herrschers von Chiang Khaeng, die die Ebene Müang Sings als Vorhut besetzt hatte.
Der Buddha von Ban Nam Dai
Buddha von Ban Namdai Inschrift auf Sockel Inschrift in Tham, Thai, Englisch
Der Buddha Inschrift auf dem Sockel Inschrift in Tham, Thai, Englisch
Cao Fa Sili Nò hatte nämlich die Absicht, die Hauptstadt Chiang Khaengs von Müang Yu nach Müang Sing zu verlegen. Der offizielle Grund war Landknappheit am alten Ort. Das eigentliche Motiv war aber offenbar geostrategischer Natur. Chiang Khaeng hatte aufgehört, Tributgeschenke nach Birma zu senden, nachdem in Ava nach König Mindons Tod ein blutiger Erbfolgestreit ausgebrochen war. Die Verlegung des Herrschersitzes und die Evakuierung eines großen Teils der Bevölkerung nach Müang Sing schützte Chiang Khaeng besser vor einer birmanischen Strafexpedition.
Außerhalb der heutigen Nordecke Müang Sings wurde 1884 das Wat Hua Khua gegründet. Von ihm aus wurde das geeignete Gelände für die Gründung der neuen Stadt gesucht. Bereits 1887 war Müang Sing bezugsfertig. Mehr als 1000 Untertanen wurden umgesiedelt.
Birma war zu Beginn der 1880er Jahre in Agonie und musste die Kontrolle über die Shan-Gebiete, zu denen auch Chiang Khaeng gehörte, aufgeben, was zu einem Machtvakuum in der Region führte.
Nan wartete zunächst in Ruhe die weitere Entwicklung ab und wehrte sich nicht gegen die Gründung Müang Sings.
Diese scheinbare Ruhe änderte sich jedoch schlagartig bereits 1885/86 mit der Eroberung Avas durch die Briten und durch einen Streit, den der Neffe des Herrschers von Chiang Khaeng mit seinem Onkel provozierte. Dieser Neffe war der Herrscher des Chiang Khaeng westlich benachbarten Chiang Tung. Beide Ereignisse führten zu ernsten Sicherheitsbedenken in Bangkok und in Nan. Im Jahre 1889 entschloss man sich zu einer bewaffneten Intervention, um Sili Nò's Sicherheit zu schützen, wie es offiziell hieß. Tatsächlich ging es Siam um die Durchsetzung des territiorialen Anspruchs auf Müang Sing.
Cao Fa Sili Nò erkannte König Chulalongkorn von Siam als seinen Oberherrn an.
Wie unsicher aber der Status von Müang Sing war, zeigten einige Jahre später die Geheimverhandlungen zwischen England und Frankreich um die Gründung eines Pufferstaates am oberen Mekong, dessen administratives Zentrum Müang Sing sein sollte. Als die Verhandlungen 1895 scheiterten, wurde im folgenden Jahr der Verlauf des Mekong nördlich von Chiang Saeng (heute Thailand) als Grenze zwischen britischem und französischem Kolonialgebiet in SO-Asien definiert. Der östlich des Mekong gelegene Teil von Chiang Khaeng, d.h. Müang Sing, fiel 1895/96 an das französische Einflussgebiet (später Protektorat Luang Prabang).
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Stadtplan von 1890
Allgemein
In den Bangkoker Archiven befindet sich ein Plan von Müang Sing, der vermutlich bereits 1890 von den Siamesen angefertigt und in Thai beschriftet worden ist. Er kann in dieser Website eingesehen werden als
Stadtplan von Müang Sing 1890
Kopie des Originals Neuzeichnung
(bessere Lesbarkeit)
vereinfacht mit
deutschem Text
Bereits an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der Plan NICHT NACH NORDEN ausgerichtet ist. Die linke untere Ecke ist die Nordecke der Stadt. Das Wat Luang (in der Zeichnung nahe dem oberen Rande) befindet sich also an der SO-Seite.
Gebäude und Bewohner
Nach diesem Plan ist die Stadt wie ein Schachbrett angelegt (8 x 8 Felder, quadratisch). Sie ist von unterschiedlich breiten Straßen durchschnitten und hat einen Erdwall mit zwölf Durchlässen. Im Zentrum befindet sich der Palast mit Nebengebäuden, der von Palisaden umgeben ist. Wat Luang war 1890 der einzige Tempel innerhalb des Stadtwalls.
Die quadratischen Grundstücke sind unterschiedlich dicht besiedelt. Während im NW viele Flächen völlig leer sind, stehen im SO und O bis zu vier Häuser in einem Quadrat (die immer gleiche Beschriftung bedeutet: rüan = Haus). Insgesamt sind 121 Häuser verzeichnet.
Dies ist in guter Übereinstimmung mit einer Erhebung, die in Müang Sing und Umgebung 1888 durchgeführt wurde. Demnach hatte die Stadt Müang Sing 137 (Wohn-)häuser, weitere 346 Häuser verteilten sich auf fünfzehn ländliche Siedlungen. Auf eine detaillierte Volkszählung wurde offensichtlich verzichtet. Doch heißt es pauschal, dass in (der Ebene) Müang Sing insgesamt mehr als 3.000 Personen lebten. Dieser Schätzung liegt ein hypothetischer Durchschnittswert von 7 Personen je Haus zugrunde. Demnach lebten innerhalb des Stadtwalls etwa 1.000 Personen.
Längen- und Entfernungsangaben
Schwierigkeiten gibt es mit der Interpretation der im Plan eingetragenen Längen- und Entfernungsangaben.
Verwendet werden die Maße sen, wa und sok, die aller Wahrscheinlichkeit nach von den gleichnamigen heutigen Einheiten abweichen.
Einheit Länge heute Länge um 1890
1 sen 40 m (in Laos? 34 m??)
1 wa 2 m 1,70 m (in Laos)
1 sok (Elle) 50 cm 61 cm (?)
Nach mündlicher Information in Müang Sing wird in der nachfolgenden Tabelle das alte laotische "wa" zur Umrechnung verwendet. Da immer 1 sen = 20 wa, muss konsequenterweise mit 1 sen = 34 m gerechnet werden.
Vergleich Stadtplan und Wirklichkeit
  Wert im Plan daraus errechnet 1) tatsächlich
Straßenbreiten:
Hauptachse
zu den Seitentoren
Nebenstraßen

12 wa
5 wa
3 wa

20,4 m
8,5 m
5,1 m
 
Stadtwall
Höhe
Kantenlänge

6 sok
5 sen, 4 wa

3 ... 3,6 m
177 m

(?)
ca 800 m
Entfernungen
(ab Grenze) nach Phong
(ab Berg Khao Luang)
nach Chiang Khaeng
nach Nan

260 Sen

221 Sen
10764 Sen

8,84 km

7,51 km
366 km

(?)

Luftlinie ca 10 km
Luftlinie ca 260 km
1) 1 sen = 34 m; 1 wa = 1,70 m, versuchsweise
Während die Straßenbreiten vernünftig erscheinen und die frühere Höhe des Stadtwalls nicht bekannt ist, sind die anderen Werte unverständlich, speziell die Länge des Walls. Sie lassen sich auch nicht durch einen einheitlichen Faktor auf sinnvolle Größen umrechnen. In diesem Punkt ist der Plan offensichtlich fehlerhaft. Allerdings war dieser Plan von einem Original der Lü (s. Abschn. Bevölkerung) kopiert, das im Thailändischen Nationalarchiv nicht vorhanden ist. Möglicherweise stand im Original "25 sen und 4 wa" (anstelle von 5 sen, 4 wa). Das wären 504 wa. Mit dem alten laotischen wa (1,70 m) oder gar besser noch mit der alten französischen Maßeinheit "brasse" (1,62 m) würde das Ergebnis mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
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Von 1895 bis heute
Obwohl Müang Sing fernab von großen Verkehrsadern und wirtschaftlichen oder politischen Zentren liegt und auch nur eine geringe Bevölkerung besitzt, hat das Gebiet in den letzten 150 Jahren eine wechselvolle Geschichte erlebt. Hier überschnitten sich die Machtbereiche von China, England, Frankreich und schließlich auch Thailand.
Spätestens 1890 war Müang Sing bereits unter siamesischer Oberhoheit und Bangkok tributpflichtig.
1895 drangen die Engländer von Birma aus nach Müang Sing ein. Cao Fa Sili Nò floh über einige Zwischenstationen nach Müang Luang Nam Tha (heute: Provinzhauptstadt von Müang Sing) auf französisches Gebiet.
1895/96 fiel Müang Sing dann an das französische Einflußgebiet (später Protektorat Luang Prabang).
1897 wurde das Fürstentum Chiang Khaeng endgültig geteilt. Die Engländer erhielten die Gebiete westlich des Mekhong, die Franzosen die am Ostufer gelegenen.
Die Franzosen stationierten Truppen und bauten ein Fort. Hierzu ließen sie den Wall an der Südecke der Stadt abtragen. Darüberhinaus bauten sie eine Asphaltstraße von Müang Sing bis an die chinesische Grenze. Teilweise verläuft diese Straße direkt entlang der Südostseite des Stadtwalls. Auf der anderen Seite der Fernstraße richteten sie einen Markt ein. Hinter dem Markt zogen sie eine Mauer hoch. Die "städtische" Bevölkerung zog allmählich an diese Straße, die nun zum wirtschaftlichen Zentrum wurde.
Von dem Palast existiert in der Stadtverwaltung eine Fotografie, die ein außergewöhnlich hohes aus Holz errichtetes Gebäude mit einem Schrägdach zeigt. Er hat bis in die 1920er Jahre noch gestanden.
In den ersten Jahrzehnten unter französischer Herrschaft wuchs Müang Sing. Zusätzlich zum ersten Tempel (Wat Luang) wurden noch drei weitere gebaut, die (bezogen auf den Stadtmittelpunkt) exakt rotationssymmetrisch zum Wat Luang liegen. Müang Sing war also auf Zuwachs gebaut. Aus Dokumenten geht aber hervor, dass Cao Fa Sili Nò sich vergeblich bemüht hat, einen Teil der früher nach Nan verschleppten Bevölkerung zurück zu holen. Die vier Tempel gehörten zu den vier Stadtteilen (Chiang = Siang [laotisch]):
Stadtviertel Tempel Himmelsrichtung
Ban Siang Cai Wat Luang Südosten
Ban Siang In Wat Chiang In Nordosten
Ban Siang Yün Wat Chiang Yün
1962 zerstört
Südwesten
Ban Siang Lae Wat Chiang Lae Nordwesten
1901 (andere Quellen: 1900) starb Cao Fa Sili Nò im Alter von 56 Jahren.
Zwischen 1907 und 1911 gab es interne Konflikte in Müang Sing, die dazu führten, dass der Nachfolger von Sili Nò, Chao Fa (Müang) Mon Onkham, fliehen mußte. Bis zu seinem Tode führte er den politische und militärischen Kampf gegen die Franzosen von Chiang Rung aus (Region Sipsong Panna, Südchina).
1916 setzten die Franzosen diesen letzten Fürsten von Müang Sing/Chiang Khaeng ab. In einem Erlass vom 6. April 1916 heißt es, er sei "coupable des crimes et délits de droit commun et de crimes politiques". Der bisherige politische Sonderstatus wurde aufgehoben und Müang Sing direkt der Kolonialverwaltung unterstellt. Der Herrscher und seine Erben gingen aller Rechte verlustig.
1946 wurde Müang Sing von China aus durch die Kuo-min-tang überfallen. Dies war eine größere Aktion, denn in ihrem Verlauf wurde die von den Franzosen gebaute Mauer beim Markt vollkommen zerstört. Der Markt wurde wieder aufgebaut und zog ab etwa 1954 Händler von nah und fern an.
1954 mussten die Franzosen das Königreich Laos verlassen.
In einem Feuergefecht zwischen den Truppen Vientianes, die zu jener Zeit Müang Sing kontrollierten und den Pathet Lao wurde am 04.04.1962 das Wat Chiang Yün zerstört. Daher gibt es heute innerhalb des Stadtwalls nur noch drei Tempel.
Müang Sing gehört heute zur Laotischen Volksdemokratischen Republik.
In jüngster Zeit hat die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) eine zweite Markthalle für die Angehörigen der Bergvölker gebaut, die bis dahin ihre Erzeugnisse unter freiem Himmel verkaufen mussten.
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Müang Sing heute (innerhalb des Stadtwalls)
Sämtliche modernen Karten sind heute ungefähr nach Norden orientiert. Dies gilt auch für alle hier folgenden Karten und Bilder. Sie erscheinen also um 180° gedreht gegenüber dem Plan von 1890.
Lagevergleich der Stadtplaene
Die amtliche Karte von 1982 im Maßstab 1:100.000 lässt die Umrisse der alten Stadtanlage nur ahnen, während eine Satellitenaufnahme aus dem Jahr 1988 den im Quadrat angelegten Stadtwall excellent darstellt.
Aus der Erkundung durch Grabowsky und Kaspar-Sickermann ergab sich ein neuer Stadtplan (1996), der die heutigen Verhältnisse darstellt. In ihm lassen sich verschiedene Ansichten mit Mausklick (Link's) aufsuchen.
Wir besichtigten eingehend die Reste von Wall und Graben, sowie das gesamte Gelände darin. Aus unseren Beobachtungen erscheinen die folgenden Punkte erwähnenswert:
  • Wer in der Erwartung einer sehr engen Anlage (entsprechend den im alten Stadtplan angegebenen Maßen) nach Müang Sing kommt, ist zunächst überrascht von der Weitläufigkeit der Stadt. Sie hat tatsächlich etwa 800 m Seitenlänge und damit eine Fläche von 60 bis 70 ha. Der Wall ist noch vorhanden bis auf die Südecke, an der er nach beiden Seiten auf 300 bis 400 m Länge abgetragen ist. Alle Tordurchlässe sind noch erkennbar. Außerdem zieht sich dort, wo der Fluss Nam Sing nicht fließt, ein breiter Graben um die Stadt. Er ist zum Teil verlandet. Anstelle des Grabens fließt der Nam Sing um die Ostecke.
  • Die heutige Wallhöhe liegt zwischen 1,2 und 1,6 m. Auch, wenn der Wall durch Regen abgetragen worden ist, fällt es schwer zu glauben, dass die ursprüngliche Höhe bei 3 1/2 m gelegen haben soll.
    Skizze von Wall und Graben
  • Mit Ausnahme der wenigen Stellen, an denen jeweils zwei Quadrate zu einem größeren Grundstück zusammengefasst worden sind, findet man noch alle Straßen so, wie sie im Plan von 1890 gezeichnet sind. Sie sind an beiden Seiten von kleinen Gräben begrenzt.
  • Der Palast (von dem noch ein altes Bild existiert) und seine Nebengebäude sind vollständig verschwunden. Das Areal ist teilweise besiedelt. Die Ruine eines gemauerten Hauses scheint aus der Franzosenzeit zu stammen.
  • Größere Anlagen sind
    • das französische Fort, dessen Gelände heute als Kaserne dient,
    • die Stadtverwaltung,
    • ein Kindergarten, zwei Grundschulen, eine höhere Schule,
    • eine Lehrerbildungsanstalt,
    • eine Berufsschule für Frauen,
    • das Gelände der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und
    • das Museum, in dem sich eine Reihe historischer Fotografien befindet.
  • Die übrige Besiedlung hat sich gegenüber früher mehr in Richtung der im SO vorbeiführenden Handelsstraße verschoben. Dieses Gebiet gehört zum Stadtviertel Siang Cai, in dem fast die Hälfte der "städtischen" Bevölkerung lebt. Unsere eigene Skizze über die Bevölkerungsdichte, die sich unmittelbar aus der eingehenden Erkundung jedes Straßenzuges ergab, bestätigt die ungleiche Verteilung.
  • Die Zahl der Wohnhäuser hat sich nur unbedeutend erhöht. Für das ganze Stadtgebiet, also auch für die Bereiche außerhalb des alten Stadtquadrats, nennt die amtliche Karte von 1983  216 Häuser.
  • Obwohl die künftigen von Thailand über Laos nach China verlaufenden Handelswege die Ebene von Müang Sing wohl links liegen lassen, ist erkennbar, dass der Ort zur Zeit einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt. Man sieht vor allem an der Hauptstraße nach China schon neue Gebäude, stundenweise gibt es Strom und eine gewisse Motorisierung ist zu erkennen. Der größte Teil der von außerhalb gelieferten Waren kommt aus China. Der einfache Tourismus beginnt zu blühen. 1993 gab es nur ein Hotel, drei Jahre später sind es bereits vier, und weitere werden gebaut.
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Der Grundriss: Vermutungen
Es lohnt sich zu fragen, aus welchen Gründen eine quadratische Anlage mit diesen Dimensionen und mit zwölf gleichmäßig verteilten Toren bei einer derart dünnen Besiedlung, kaum mehr als 1000 Menschen, gewählt wurde. Die Stadt wurde in kürzester Zeit (höchstens2 - 3 Jahre) mit einem enormen Arbeitsaufwand aus dem Boden gestampft.
Zur Verteidigung erscheint der Wall wenig geeignet. Er hatte auf der Außenseite keine Mauern. Auch von Palisaden wird nicht berichtet, die bei einer Gesamtlänge von 3,2 km auch recht unwahrscheinlich sind. Nimmt man an, dass sich im Verteidigungsfall die gesamte Bevölkerung der Ebene (3.000 Menschen, einschl. Frauen und Kinder) innerhalb des Walls befunden hätte, so hätten davon vielleicht 1.500 bis 2.000 für eine nur kurze Zeit dauernde Verteidigung zur Verfügung gestanden. Zu wenig für die zu verteidigende Gesamtlänge.
Daher ist der Grundriss von Müang Sing wohl eher auf Überlieferung und Regeln begründet, wie eine Stadt zu bauen sei:
"Dass Städte mit quadratischem oder rechteckigem Grundriss während vieler Jahrhunderte auf dem gesamten Territorium Asiens üblich waren, ist ein offenkundiger Fakt. Man muss jedoch hinzufügen, dass die Idee der "quadratischen Stadt" an sich nicht die Entdeckung eines einzigen Volkes oder Landes war. Städte mit quadratischer Anlage waren in den verschiedensten Ländern der Erde gut bekannt - im alten Ägypten, in Mesopotamien, in Mexiko, in Rom und in China. Das Quadrat stellte die einfachste für die Absteckung geeignete Form dar, und außerdem war die Idee des quadratischen Grundrisses fast überall mit religiösen und mystischen Auffassungen verbunden."
"... die Stadt Lo-Yi (China, 3. Jhdt.v.Chr.) hatte einen quadratischen Grundriss mit einer Seitenlänge von 9 Li (2,25 km), drei Tore an jeder Seite und neun Straßen in jeder Richtung ..." [2](vgl. Müang Sing !)
Die Ende des 18.Jhdt. erbaute Stadt Amarapura, unmittelbar im Süden des späteren Mandalay, entsprach diesem Grundriss. - Die Zitadelle der 1857 von König Mindon gegründeten Stadt Mandalay (Burma) ist ein von einer hohen Mauer umschlossenes Quadrat von 2 km x 2 km. - Der Prototyp einer quadratisch angelegten Stadt in der nordthailändisch-nordlaotischen Region ist sicherlich Chiang Mai, 1296 von König Mangrai gegründet, 1,6 km x 1,6 km.
Nicht nur die quadratische Form von Müang Sing ist interessant. Auch die große Zahl der Tore scheint nicht zufällig zu sein. Eine ganze Reihe anderer Städte in jener Gegend hat ebenalls genau zwölf Tore, beispielsweise Siang Hung mit einem ovalen Wall mit Palisaden von 3 m Höhe. Ein anderes Beispiel ist Siang Tung, woher die Herrscherfamilie von Müang Sing (Chiang Khaeng) stammt. Siang Tung, die Hauptstadt des Khün-Staates, östlich des Salween, hatte eine unregelmäßige Form, aber ebenfalls zwölf Tore, wie Müang Sing.
So bekommt man den Eindruck, dass es für den Stadtplan von Müang Sing gar keine Alternative gegeben hat.
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Bevölkerung
In Laos hat die Provinz Luang Nam Tha die größte Vielzahl von ethnischen Gruppen. Im Distrikt Müang Sing leben
  • Akha
  • Thai Nüa
  • Yao
  • Thai
  • Lao Soung (Hmong)
  • Lao Thoeng (Khmu)
Da die Akha in großer Höhe auf den Bergen leben, sind in der Flussebene von Müang Sing und auch im Ort selbst die Lü dominant.
Nach der letzten offiziellen Statistik von 1992 gab es innerhalb des alten Stadtwalls etwas über 200 Haushalte. Dies entspricht einem Anstieg von nur 50% innerhalb eines Jahrhunderts. Für eine derart langsame demographische Entwicklung gibt es sicherlich mehrere Gründe. Einer davon dürfte bis vor kurzer Zeit die wirtschaftliche Randlage bei geschlossenen Grenzen nach Birma und China gewesen sein. Die Zahlen im Einzelnen (Achtung: Laotische Schreibung: Siang statt Chiang):
Stadtviertel Anzahl
der Familien
Anzahl
der Bewohner
Bewohner
in %
Zahl der
Frauen
Ban Siang Cai
(Wat Luang)
107 546 44.6 293
Ban Siang In 31 156 12.7 87
Ban Siang Yün 32 303 24.7 140
Ban Siang Lae 39 220 18.0 109
insgesamt 209 1.225 100.0 620
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Der künftige Stadtplan
Auf dem Reißbrett ist die Zukunft Müang Sings schon geplant. Der künftige Bebauungsplan stützt sich auf das vorgegebene Quadrat und behält die Straßeneinteilung bei. Die Planung geht von einer erheblich größeren Besiedlungsdichte aus, ist also sehr weit vorauseilend in der Hoffnung auf eine starke Zunahme der Einwohnerzahl, mindestens etwa um 2,6% jährlich, wie es für die gesamte Provinz Luang Nam Tha in den 1980er Jahren der Fall war. Müang Sing hat sich aber anders entwickelt. Zwischen 1988 und 1992 betrug der Zuwachs weniger als 1,5% pro Jahr. Anscheinend waren sowohl die Stadt als auch der Distrikt Müang Sing während der letzten zwei bis drei Jahrzehnte Netto-Emigrationsgebiete. Man wird sehen, ob sich diese Entwicklung in der Zukunft wendet.
Der einzige auffallende Unterschied zum früheren Plan ist der, dass das "Zentrum" der Stadt, also das dem Palast entsprechende Gebiet, nun um ein Quadrat näher an die Handelsstraße nach China gerückt ist.
Das alte Stadtgebiet innerhalb des Walls umfasste etwa 64 ha. Das gesamte Gebiet mit heute 83,3 ha, also etwa 20 ha außerhalb des Walls, soll wie folgt genutzt werden:
Nutzung Fläche
in ha
Fläche in %
Verwaltung 12,0 14,4
Geschäfte
(mit) Wohnungen
6,4 7,7
Handel (Markt) 1,9 2,3
Wohngebiete 48,0 57,6
Park 15,0 18,0
Sollte dieser Plan wirklich realisiert werden, so würde die Zahl der Wohnhäuser nahezu verdoppelt und die Einwohnerzahl drastisch erhöht werden. Außerdem würde die Besiedlung gleichmäßiger verteilt sein. Geplant sind zwei ausgedehnte Parks, einer im Norden (Siang In und Siang Lae), einer in der Nähe des Distriktkrankenhauses im Osten, mit großen Blumengärten und Restaurants.
Diese kühne Vision unterstreicht die Erwartung der Behörden, dass sich Müang Sing sowohl zu einem bedeutenden Touristenzentrum als auch zu einem regionalen Handelszentrum entwickeln wird. Aus heutiger Sicht wäre es sicher zu optimistisch, Müang Sing schon als Schnittpunkt des sogenannten ökonomischen "Quadrangel" (Birma, China, Laos und Thailand) zu sehen. Aber die Kombination von Handel und alternativem Tourismus, begründet in der ethnischen Vielschichtigkeit und dem Reichtum an kultureller Tradition, erscheint aussichtsreich. In dieser Hinsicht dürfte die Wiederentdeckung von Müang Sing als historische Stätte von Bedeutung sein.
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Literatur
[1] Grabowsky, Volker:
"Bevölkerung und Staat in Lan Na: Ein Beitrag zur Bevölkerungsgeschichte Südostasiens" Habilitationsschrift, Fachbereich Orientalistik, Universität Hamburg, 1996
[2] Oshegowa, Nina und Oshegow, Sergej:
Kunst in Burma; VEB E.A.Seemann Verlag, Leipzig 1988 ISBN 3-363-00054-5
[3] Grabowsky,Volker:
Introduction to the History of Müang Sing (Laos) prior to French Rule: The Fate of a Lü Pricipality;
Bulletin de l'Ecole francaise d'Extreme-Orient, 86 (1999),S. 233-291
mit ausführlichem Quellenverzeichnis
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top.gif Müang Sing, Textanfang top-here.gif Ban Chiang Khaeng top-here.gif Plan von Müang Sing 1996
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